Das Handwerk in Baden-Württemberg wartet in 2010 mit beeindruckenden
Zahlen auf. 131.015 Betriebe erwirtschafteten einen Umsatz von 65 Milliarden
Euro. Der durchschnittliche Umsatz pro Mitarbeiter lag damit bei rund 90.000
Euro. Im selben Jahr befanden sich 55.549 junge Menschen in Ausbildung des
Handwerks. 3.506 Frauen und Männer schlossen ihre Meisterausbildung ab.
Deshalb sprach Bautiger mit Joachim Möhrle, dem Landeshandwerkspräsi-
denten.


Bautiger: 
 Herr Möhrle hat Handwerk noch goldenen Boden?

Joachim Möhrle:  Diese Frage kann man mit einem klaren ja beantworten. Die
Handwerksbetriebe sind bei der energetischen Haussanierung gefordert. Sie be-
weisen im Metallbereich ihre innovative Kraft. Angesicht der Alterspyramide liefern
sie hohe Qualität im Bereich Gesundheit. Zudem reagieren sie bei den hochwerti-
gen
 Lebensmitteln auf das gewandelte Bewusstsein der hier lebenden Menschen.
Ins
gesamt kann man sagen, das Handwerk ist gut für die Zukunft aufgestellt.

Bautiger:
  Ist der Handwerker heute noch Handwerker oder eher EDV-Fachmann?

Joachim Möhrle: Die Bedeutung der EDV und des Computers wächst auch beim
Handwerk. Denken Sie nur an CNC und computergelenkte Maschinen. Der moder-
ne Handwerker wird mehr und mehr zum Computerwerker. Handwerker behält als
sozialpolitischer Begriff seine Bedeutung.


Bautiger:
 Führt der Einsatz  der EDV dazu, dass zunehmend junge Frauen eine
Ausbildung auch in bisherigen Männerdomänen antreten?


Joachim Möhrle:  Unsere Berufsbilder werden noch attraktiver. Jede vierte Mei-
sterprüfung wird inzwischen von einer Frau abgelegt und fast 28% der neuen Aus-
zubildenden sind weiblich. Bei den Optikern, Schuhorthopädiemechanikern, wo
auch eine hochsensible Beratung gefragt ist oder bei kreativen Feldern wie Malern
Schreiner zeigt sich eine steigende Tendenz. Doch insgesamt ist der Frauenanteil
ausbaufähig.


Bautiger:
 Es gibt lernschwächere Schüler. Sie haben mit dem Ex-Ministerpräsi-
denten, Stefan Mappus, die Brücke in das Handwerk für diesen Personenkreis in-
itiiert. War das schlechtes Timing oder besteht die Brücke weiter?


Joachim Möhrle:  Wir hätten es sicher früher machen sollen. Wir waren uns mit Ex-
Kultusministerin, Marion Schick, einig, dass wir diese jungen Leute in der Zeit zwi-
schen Schulabschluss und Beginn einer Lehre so nachqualifizieren müssen, dass
sie ohne Warteschleife in unsere duale Ausbildung wechseln und diese auch ab-
schließen können.  Ich sehe aber kein Problem. Das wird auch mit der neuen Re-
gierung machbar sein. 


Bautiger:
 Das Handwerk bildet gerade mit den eigentümergeführten Unterneh-
men das Rückgrat der baden-württembergischen Wirtschaft. Sind die Nachfolge-
probleme inzwischen geklärt?


Joachim Möhrle: Hier antworte ich mit einem klaren Jein. Wir haben durchaus
Nachfolgesorgen. Doch steigt die Zahl bei den Meisterprüfungen erfreulicherweise.
Der Meisterbrief bildet ja den Grundstein für die Selbstständigkeit. Die Handwerks-
kammern müssen helfen, Nachfolger zu finden. Hier sind wir klar gefordert. Ein
Problem besteht darin, dass die Kompetenz bei vielen Handwerkern vorhanden
ist, aber das notwendige Kleingeld für die Selbstständigkeit fehlt. Deshalb sollte
die Eigenkapitalhilfe vom Land beibehalten werden. Zudem besteht eine gewisse
Tendenz zu größeren Betrieben. Bisher arbeiten in einem Handwerksbetrieb im
Schnitt ca. sechs Mitarbeiter. Wenn ein geeigneter Nachfolger fehlt, kaufen andere
Betriebe das Unternehmen auf.


Bautiger: 
Wie sehen Sie die Zusammenarbeit von Architekten und Handwerkern
bei der Vergabe von Bauaufträgen?


Joachim Möhrle: Die Zusammenarbeit verläuft sehr gut. Die Architekten planen,
was die Handwerker umsetzen. Teilweise verläuft schon die Planung zusammen.
Hier möchte ich auf das Thema Bauteam verweisen. Hier optimieren wir die Zu-
sammenarbeit. Das Thema treiben wir mit Architekten- und Ingenieurkammern vor-
an. Wir möchten die Bauteamidee verstärken, um die Zusammenarbeit  auszu-
bauen und weiter zu verbessern.


Bautiger:
 Sind die Pläne von Angela Merkel bezüglich der Co2 Verminderung
und Altbausanierung eine „Gelddruckmaschine“ für das Handwerk?


Joachim Möhrle: Das Programm nützt dem Handwerk in starkem Maße. Doch
ohne die Umsetzung des Programms können die CO2 Ziele, die für 2020 gelten,
nicht erreicht werden. Allerdings gibt es einen kleinen Unterschied zwischen Ab-
sicht und Umsetzung. Ich halte ein finanzielles Förderprogramm für notwendig.


Bautiger:
 Sind Billiganbieter aus dem EU-Ausland eine starke Konkurrenz für das
heimische Handwerk?


Joachim Möhrle: Das beantworte ich mit nein. Das ist für uns nicht das große
Thema, weil wir den branchenbezogenen Mindestlohn durchgesetzt haben. Aller-
dings müssen wir mal den 01. Mai abwarten, wenn die völlige EU-Freizügigkeit
eintritt. Für uns könnte die von der EU gewollte Konzernfreiheit eher zum Thema
werden. Konzerne aus dem EU-Ausland können in der EU eine Niederlassung
einrichten, aber die Mitarbeiter auf dem Niveau der Konzernzentrale entlohnen.


Bautiger:
 Sind Plagiatoren aus Fernost ein Problem für das Handwerk in Baden-
Württemberg?


Joachim Möhrle: Das ist kein Thema für uns. Vielleicht haben einige hochspe-
zialisierte Metallbetriebe ein Problem, aber grundsätzlich ist das kein Thema.


Bautiger:
 Darf ich Sie abschließend um ein kleines Statement zu Bautiger bitten.

Joachim Möhrle: Ich halte das Konzept für eine gelungene und sehr kreative Ge-
schichte. Ich finde es sehr gut, schöne Bauten und handwerkliche Kompetenz ne-
beneinander darzustellen. Es ist eine gute Idee für das künftige Zusammenarbei-
ten von Handwerkern und Architekten und ich kann Ihnen bei der weiteren Ver-
marktung nur alles Gute wünschen. 

 Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle