Leistung lohnt sich.

Dieses Axiom unseres Wirtschaftssystems beten viele Politiker und Wirtschaftsführer vorwärts und rückwärts zu jeder Tages- und Nachtzeit fehlerfrei herunter. In einem Bereich hat dieses Axiom mit Sicherheit seine Gültigkeit: bei Wettbewerben. Das Deutsche Handwerk schreibt jedes Jahr einen Leistungswettbewerb aus und die Glaserinnung in Baden-Württemberg hat über viele Jahre warten müssen, bis sie mal wieder einen 1. Bundessieger stellen konnte: Simon Arnold heißt der junge Mann. Seine Lehre hat er bei der Reicherter Fensterbau GmbH  in Reutlingen absolviert. Bautiger hat sich mit einem der Chefs des Ausbildungsbetriebs, Jean Reicherter, und dem Sieger, Simon Arnold, unterhalten.


Bautiger:
Herr Reicherter, wir bilden in Deutschland die Auszubildenden dual aus. Wie finden Sie das System.


Jean Reicherter:
Ich halte das nach wie vor für eine gute Sache. Betrieb + Schule verbinden optimal
Theorie und Praxis. Ich könnte mir das nicht besser vorstellen. Wenn die jungen Menschen nach der Schule
direkt im Betrieb einsteigen würden, wären sie zunächst einmal völlig platt. So geschieht der Übergang
schonender. Die Abwechslung erhöht auch die Motivation. Wir wollten keinen Blockunterricht und haben mit
der Lösung 1 Woche Schule und dann 3 Tagen im Betrieb die optimale Lösung gefunden. Die Miniblöcke
erlauben es den Auszubildenden, in Betrieb und Schule an ihren Projekten kontinuierlich dranzubleiben.
Für mich ist die duale Ausbildung ein Erfolgsmodell.


Bautiger:
Wie finden Sie Ihre Azubis?

Jean Reicherter: Arbeitsamt und die IHK betreiben Internetportale. Da sind wir als Ausbildungsbetrieb mit
unserem Angebot gelistet. Zudem bin ich Obermeister in der Innung. Auf einer regionalen Messe auf den
Reutlinger „Bösmannsäckern“ organisieren die Handwerksbetriebe ein eigenes „Ausbildungszelt“. Hier
präsentieren wir uns mit unseren Auszubildenden, um uns und die Berufe zu präsentieren. Außerdem bleibt
nicht verborgen, dass wir mit Simon Arnold einen Bundessieger stellen. Das sorgt für ein gutes Image und
entfaltet eine Sogwirkung. Nicht zuletzt vergeben wir Praktikumsplätze, die eine gute Chance bieten, einen
Ausbildungsplatz bei uns zu erhalten.
 

Bautiger: Landeshandwerkspräsident, Joachim Möhrle, bemängelt die Leistungsbereitschaft der Bewerber. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht.
 

Jean Reicherter: Aktuell kann ich Herrn Möhrle da nicht folgen. Ich kann seine Aussagen nicht generell
bestätigen. Leute, die wollen, kann man formen. In letzter Zeit hatten wir Azubis, die wollten. Totalausfälle
gab es bei uns sehr wenige. Simon kommt aus einem Glaserbetrieb. Da war trotzdem das Wollen notwen-
dig. Wir fördern, aber fordern unsere Auszubildenden auch. Wenn unsere erfahrenen Mitarbeiter merken,
dass der Wille vorhanden ist, nehmen sie die jungen Leute auch gerne mit auf die Baustelle und vermitteln
ihnen die Kniffe, die Du sonst nicht mitbekommst.
 

Bautiger: Welche Rolle spielen für sie die schulischen Leistungen eines Bewerbers?
 

Jean Reicherter: Natürlich schaue ich mir die Noten an, wenn ich eine Bewerbung auf dem Tisch habe.
Doch schaue ich gezielt. Bei den Fächern, die für uns im Betrieb wichtig sind, sollte das Niveau schon
stimmen. Andere Fächer sind für mich nicht so wichtig. Ich muss dann beim Bewerbungsgespräch merken,
dass der Bewerber den Ausbildungsplatz wirklich will. Während der Ausbildung lasse ich mir die Berufs-
schulzeugnisse zeigen. Die Fachkompetenz fordere ich ein.
 

Bautiger:  In der momentanen Diskussion kam die Anregung, Studienabbrechern eine Lehre im Handwerk
schmackhaft zu machen. Was halten Sie davon?
 

Jean Reicherter: Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Ich könnte mir vorstellen, dass einem
Studienabbrecher der letzte Wille fehlt. Natürlich kann der eine oder andere Gute dabei sein.
 

Bautiger: Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht für eine Lehre im Handwerk?
 

Jean Reicherter: Ohne das Handwerk läuft nichts. Es hat den sprichwörtlichen soliden Boden. Die Ausbil-
dung bei uns ist eine klasse Gesamtausbildung. Zudem bietet das Handwerk optimale Aufstiegs- und
Weiterbildungschancen z.B. Meister. Ich habe eine Fachausbildung, auf die ich immer zurückgreifen kann.
In nächster Zeit erwirbt man mit der Ausbildung eine Jobgarantie, weil Facharbeiter fehlen.
 

Bautiger: Herr Arnold, stand für Sie immer fest, dass Sie ein Handwerk lernen wollen?
 

Simon Arnold: Mein Vater hat einen Glaserbetrieb. Ich bin sozusagen von klein auf mit dem Handwerk
aufgewachsen. Mein Vater ließ mich Sachen ausprobieren. Dann habe ich als Schüler mit Praktika in einige
Branchen reingeschnuppert und schnell festgestellt, dass Büro nicht mein Ding ist.


Bautiger:
Wie sind Sie auf die Reicherter Fensterbau GmbH aufmerksam geworden?
 

Simon Arnold: Ich habe im BIZ geschaut und meinen Vater gefragt, weil ich nicht im heimischen Betrieb lernen wollte.


Bautiger:
Was hat Sie dazu bewogen, am Bundeswettbewerb teilzunehmen?
 

Simon Arnold: Der erste Schritt war der Kammerwettbewerb. Hier zählt die Gesamtnote der Gesellen-
prüfung aus Theorie und Praxis. Weil ich 1. Kammersieger war, durfte ich am Landeswettbewerb teil-
nehmen. Der fand in Karlsruhe statt und dauerte zwei Tage. Ich musste noch mal ein Arbeitsstück
abliefern. Ich habe mich gegen acht andere Kammersieger durchgesetzt und war Landessieger.
Zum Bundeswettbewerb haben wir dann meine kompletten Unterlagen mit Zeichnungen eingereicht.
Die Jury hat sie komplett neu bewertet und mich zum ersten Bundessieger erklärt.
 

Bautiger: Worauf kommt es an, wenn man den Wettbewerb als 1. Bundessieger abschließen will?
 

Simon Arnold: Da die Gesellenprüfungsnote zählt, muss man von Beginn der Ausbildung Gas geben.
Der Landeswettbewerb in Karlsruhe war sehr anspruchsvoll. Wir haben an uns unbekannten Maschinen
gearbeitet. Da muss man sein Handwerk verinnerlicht haben. Der Wettbewerb war eine tolle Erfahrung,
weil die Teilnehmer sich gegenseitig geholfen haben und weniger als Konkurrenten um den Sieg
betrachteten.
 

Bautiger: Wie sehen Ihre weiteren beruflichen Pläne aus?
 

Simon Arnold: Der nächste Schritt ist mit Sicherheit die Meisterschule. Irgendwann möchte ich dann in unseren Betrieb einsteigen und ihn über kurz oder lang mit meinen Geschwistern führen.


Bautiger:
 Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht für eine Lehre im Handwerk?

Simon Arnold: Mir gefällt die Vielseitigkeit. Ich sehe jeden Tag etwas Neues. Man lernt ständig dazu. Ich freue mich, wenn ich Kundenkontakt habe. Doch dann ist es auch wieder schön, in der Werkstatt zu stehen und ein Werkstück zu bearbeiten. Am Ende des Tages sieht man immer, was man geleistet hat. Zudem schätze ich die Möglichkeit, dass Arbeiter, die nicht mehr so hart körperlich arbeiten können oder wollen, mit einer anderen Aufgabe im Beruf bleiben können. Ich freue mich, wenn der Kunde zufrieden ist und sich freut, vor allem wenn es keine 0815 Lösung von der Stange gab und ich tüfteln und improvisieren musste. Das verschafft tiefe Befriedigung. Zudem finde ich die Möglichkeit klasse, in unverbindlichen Praktika in den Betrieben seinen Weg erkennen zu können.


 

Jean Reicherter, Geschäftsführer der Reicherter Fensterbau GmbH und
Simon Arnold, Auszubildender der Reicherter Fensterbau GmbH