Der Schwabe gilt als Tüftler, Denker und Erfinder. Ab und an führen
Problemlösungen zu neuen Geschäftsideen. Deshalb sprach Bautiger mit
dem Architekten
Jürgen Wunderlich.

Bautiger:
Wie beeinflussen Modeströmungen die kreative Planung eines
Architekten

Jürgen Wunderlich
: Modeströmungen beeinflussen unsere Entwürfe und
Planungen eher weniger. Wir unterliegen eher Einflüssen aus dem Zeitgeist
oder lassen uns von neuen Materialien und Farben beeinflussen. So lassen
Entwicklungen im Fassaden- und Farbbereich heute dauerhaft satte Töne zu,
die wir vor zehn Jahren nicht realisieren konnten.

Bautiger:
Gilt die Formel Form follows Function, die Louis Sullivan, ein Ver-
treter der Chicago School, als Erster forderte, noch heute oder gestalten Sie
völlig frei?

Jürgen Wunderlich
: Wenn wir uns im Bereich der Industriebauten bewegen,
gilt diese Forderung nach wie vor.  Sie gilt als eines der wichtigsten Kriterien
im Anforderungskatalog. Unsere Gebäude müssen möglichst lange Verän-
derungen, Optimierungen, Weiterentwicklungen von Betriebs- und Prozess-
abläufen mitmachen können.  Vorausschauende Planung mit guten Grund-
risslösungen,  sollte nicht nur für den ersten Lebenszyklus eines Gebäudes
ausgelegt sein.  Im Wohnungsbau sichert ein guter Standard mit einem an-
sprechenden Wohnungszuschnitt die nachhaltige Nutzung und Attraktivität bei
der Eigennutzung und in der Vermietung.

Bautiger:
Erfüllen die modernen Werkstoffe Ihre Erwartungen oder müssen Sie
manche Dinge anders planen, weil die Werkstoffe verhindern, dass Sie ihre
Kühnheit in der Planung umsetzen können?

Jürgen Wunderlich
: Eigentlich beschäftigen uns die Werkstoffe bei der Pla-
nung weniger. Verordnungen und Gesetze, wie die Energie-, Einsparungs-
Verordnung prägen unsere Planungen und unser Bauen deutlich mehr. Die
Regularien fordern oft sehr komplexe Lösungen und Detailanschlüsse. 

Bautiger:
Denken Sie, dass die Nachhaltigkeitsdiskussion dazu führt, dass
früher gebräuchliche Materialien wie Lehm, Stroh oder Reet  ein Revival er-
leben.

Jürgen Wunderlich
: Das sehe ich eher nicht. Diese Diskussion führen wir mo-
mentan eher im Bereich der öffentlichen und großen gewerblichen Bauten. Im
privaten und gewerblichen Wohnungsbau hat sie nur bei einer entsprechend
idealistischer Einstellung der Bauherrschaft Einzug gehalten. Das Thema Öko-
logie ist hier noch nicht verbreitet  angekommen.  Zudem stellt sich hier massiv
die Kostenfrage. Die Nachhaltigkeit von Gebäuden spiegelt sich meiner Mei-
nung nach in der Wirtschaftlichkeit in der Nutzungsphase und der Wiederver-
wertbarkeit in weiteren Lebenszyklen wider. Die Betriebskosten werden nicht
nur durch die Energiekosten, sondern auch zunehmend durch Unterhaltsreini-
gung, Glasreinigung und die laufenden Kosten, die zum Betreiben der Gebäude
bis hin zu den Kosten für die Instandhaltung nötig sind, stark beeinflusst. Hier
stellen wir Planer die Weichen für ein wirtschaftliches Betreiben von Immobilien
bis hin zur Attraktivität für weitere Lebenszyklen der Gebäude. 

Bautiger:
Die Bionik gewinnt in vielen Entwicklungsabteilungen zunehmend an
Bedeutung. Was können Architekten von der Natur lernen?

Jürgen Wunderlich
: In der Tragwerksplanung haben diese Ideen bereits seit
Längerem Einzug gehalten. Tragkonstruktionsprinzipien wurden schon seit
längerem von der Natur abgeleitet. Konstruktionen ähnlich den Waben- oder
Zellstrukturen oder die vom Spinnennetz „abgeschauten“, existieren ja zahl-
reich. Ich möchte den Satz: „Lernen von der Natur als Inspiration für eigenstän-
diges, technologisches Gestalten“  anführen. Als gelungene Beispiele gelten
das Olympiadach in München, flügelartige Dächer oder das Metrosystem als
Raumtragwerk. Auch beim Thema Lotusblüteneffekt erwarte ich weitere posi-
tive Forschungsergebnisse. Hier ist die Forschung noch längst nicht am Ende.

Bautiger:
Suchen Sie zur Umsetzung ihrer Ideen den Dialog mit den Hand-
werkern?

Jürgen Wunderlich
: Wir suchen diesen Dialog schon im frühen Stadium. So
verzahnen sich im Bauwesen Theorie und Praxis auf ideale Weise. Es wäre
unintelligent, das Potenzial des Handwerks nicht zu nutzen. Ich halte es für
extrem wichtig, sich auf der Baustelle gegenseitig zuzuhören.

Bautiger: 
Sie haben einen Poller entwickelt, wie kam es zu der Idee?

Jürgen Wunderlich
: Wir standen auf einer unserer Baustellen vor dem Pro-
blem, Industrie- und Gewerbetüren und-tore gegen die „Einwirkung“ von
Staplern und Kleinsttransportern schützen zu müssen. Bisher bekannte Poller
und Leitplanken boten nur einen starren Schutz. Mit einem betonierten, starren
Schutz bestand die Gefahr, dass es bei einer Kollision zu Rissen in der Keller-
abdichtung kommen könnte. Deshalb mussten wir alles, was auf dem Belag
stand, von der Abdichtung trennen. Der Poller musste die Anpralllast verringern
und einen möglichst niederen Schwerpunkt besitzen. Das führte schnell zu der
heutigen Form unserer Poller. Wir produzierten ein paar Prototypen, die sich
als optimale Problemlösung herauskristallisierten.

Bautiger:
Welche Funktionen kann der Poller übernehmen?

Jürgen Wunderlich
: Unsere Poller schützen, leiten, sichern und sperren ab.

Bautiger:
Wie hat sich der Poller in der Praxis bewährt?

Jürgen Wunderlich
: Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass sich die Poller
in der Praxis mit Glanz und Gloria bewährt haben. So haben die Poller der
ersten Generation Eternitfassaden und Lampen optimal geschützt. Wir haben
sie weiter verbessert und können nun verschiedene „Köpfe“ anbieten und ein
Metallring am „Fuß“ minimiert Gebrauchsspuren.

Bautiger:
Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit bei Ihrem Poller aus?

Jürgen Wunderlich
: In Bezug auf die laufenden Kosten sind die Poller nahezu
unschlagbar. Sollte man mal unachtsam sein und gegen einen Poller fahren,
stellt man ihn einfach wieder auf seine Ausgangsposition. Trotz seiner 172 kg
Gewicht lässt er sich einfach verschieben. Der Metallring und der Beton lassen
sich optimal recyceln. Somit stimmt auch diese Bilanz.

Weitere Informationen unter: www.pollino-poller.de
Freier Architekt Jürgen Wunderlich